Die Wirtschaft in Schlesien im Zeitraum von 1898 bis 1905


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Schafwollindustrie

Die Schafwollindustrie hat ihren Hauptsitz in Jägerndorf und Bielitz. Das Jahr 1898 war für diese Industrie das ungünstigste seit Jahrzehnten. Von dem stockenden Absatze und der Entwertung der Ware abgesehen, wurde das Vertrauen durch die zahlreichen und bedeutenden Fallimente untergraben. An dem Niedergange trug auch der Nationalitätenhader Schuld, indem der früher bedeutende Absatz nach Böhmen durch die nationale Agitation stark geschädigt wurde. Die Preisentwertung der Rohprodukte hatte eine anhaltende Entwertung der fertigen Ware zur Folge. Im weiteren Verlaufe des Berichtsjahres machte sich eine starke Aufwärtsbewegung der überseeischen Wollpreise geltend. Der hohe Zoll, welcher auf den für die Schafwolllndustrie so wichtigen Kammgarnen, die zum größten Teile aus dem Auslande bezogen werden müssen, lastet - per 100 kg 12 bis 16 fl. Gold - erschwerte die Konkurrenz im Exportgeschäfte. Kredit- und Zahlungsverhältnisse waren sehr schlecht die Überproduktion zwang zu unsicheren Geschäften. Auch die fortwährende Steigung der Arbeitslöhne erschwerte die Lage. Außerdem waren Tarif- und Transportverhältnisse dem lnlandsgeschäfte keineswegs günstig.

Das Jahr 1899 brachte eine wesentliche Besserung in der Kaufkraft der Bevölkerung und damit eine Stärkung des heimischen Absatzgebietes. Dazu kam eine anhaltende Steigung der Wollpreise, welche von einer seit Jahren niedrigsten Stufe zu Beginn des Jahres zu einer Werterhöhung bis zu 100% gelangt waren. Hand in Hand damit ging eine Preiserhöhung der fertigen Produkte, welche einen flotten Absatz fanden, so daß die großen Lager stark gelichtet wurden. Die Vollbeschäftigung der Betriebe brachte zum Teile einen Arbeitermangel mit sich, den die Arbeiter zur Durchbringung ihrer Forderungen, kürzere Arbeitszeit und Lohnerhöhung, mit Erfolg benutzten. Der Export ging gegen das Vorjahr zurück. Die österreichische Stofferzeugung kann mit der deutschen und englischen kaum konkurrieren, weil, von den hohen Zöllen für die Halbfabrikate abgesehen, die hohen Frachtgebühren bis zum Hafenplatze die Ware sehr verteuern.

Im Jahre 1900 gestaltete sich die Lage der Schafwollindustrie geradezu krisenhaft. Die Wollpreise fielen im Laufe dieses Jahres um die vollen 100 %, um die sie im Vorjahre gestiegen waren. Natürlich mußten damit auch die Preise der fertigen Ware sinken, welche noch aus den teueren Rohprodukten hergestellt war. Der Export nach dem Oriente, dem Hauptabsatzgebiete der österreichischen Tuchfabrikation, war zurückgegangen.

Erst allmählich konnte sich die Schafwollindustrie im Jahre 1901 erholen. Die Unsicherheit in der Geschäftslage, welche durch die enorme Hausse von 1899 und die verheerende Baisse von 1900 hervorgerufen wurde, machte solideren Verhältnissen Platz. Die Fabriken waren gut beschäftigt, der Absatz befriedigte. Die Nachfrage beschränkte sich zumeist auf Mode-Artikel, während die sogenannte Bauernware ganz vernachlässigt blieb. In diesem Artikel verdrängte Deutschland die Jägerndorfer-Ware aus Bayern und aus den österreichischen Alpenländern. Dies ist darauf zurückzuführen, daß die gleiche Qualität Schafwoliware bei der Einfuhr aus Deutschland nach Österreich günstiger behandelt wurde als bei dem Exporte nach Deutschland. Nach dem Zolltarife konnte Tuchware über 500 Gramm per Quadratmeter zum Zollsatze von 50 fl. 13er 100 kg, aus Deutschland eingeführt werden, während österreichische Erzeugnisse von derselben Qualität bei der Ausfuhr nach Deutschland einen Zoll von 135 Mark per 100 kg zu entrichten hatten. Die Besserung hielt auch im Jahre 1902 an, die Fabriken waren gut beschäftigt, die Preise behaupteten die im Vorjahre erreichte Stabilität. Weniger günstig war für den Geschäftsgang das Jahr 1903 infolge der Preissteigerung der Rohprodukte, ungünstiger Kreditverhältnisse und einer überaus scharfen Konkurrenz. Die Wirren auf der Balkanhalbinsel verursachten einen weiteren Rückgang im Exporte. Befriedigend war die Lage der Schafwollindustrie im Jahre 1904. Die Betriebe waren gut beschäftigt, der heimische Absatz sowie der Export nach dem Oriente hatten bedeutend zugenommen.

Recht günstige Absatzverhältnisse und volle Beschäftigung hatte das Jahr 1905 zu verzeichnen. Trotzdem gestaltete sich die Gesamtiage der Schafwollindustrie in diesem Jahre keineswegs glänzend. Das fortwährende Steigen der Preise für das Rohmaterial, eine beispiellose Konkurrenz verbunden mit gegenseitiger Unterbietung in den Preisen für die fertige Ware, schlechte Kredit- und Zahlungsverhältnisse und Erhöhung der Arbeitslöhne ließen keine gewinnbringende Tätigkeit aufkommen und hatten zahlreiche Fallimente zur Folge. In Schlesien werden Streichgarnwaren u. zw. glatte Tuche, Düffel, Militärtuche, Loden und gewalkte Modewaren, Kammgarnwaren, einfärbige Rockstoffe, Modeanzugsstoffe, Cheviotmodestoffe und Orientwaren erzeugt. Die Wolle wird zumeist aus Buenos-Aires und Ungarn bezogen. Die gleichen Momente, welche die Lage der Schafwoll-Industrie bestimmen, kommen auch für die Kunstwolle-Erzeugung, die Fezfabrikation, Hutfabrikation sowie für die Decken- und Kotzen-Erzeugung in Betracht. Hervorzuheben wäre, daß die Fezbranche reine Export- industrie ist und zu ihren I-Iauptabsatzgebieten das osmanische Reich und seine Nebenländer, Afrika und Ostindien zählt. Daß für eine derartige Industrie günstige Zollverhäitnisse mit den Absatzgebieten ein Hauptfaktor sind, bedarf wohl keiner weiteren Erörterung, ebenso wenig der Umstand, daß ein kalter Winter für die Decken- und Kotzenerzeugung ein gutes Geschäftsjahr bedeutet.

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